REZENSIONEN
Besprechung »Mediation in Bewegung« in der Erzeihungskunst Ausgabe 11/2007

Die Autoren haben mit diesem Buch nicht nur ein entscheidendes Handbuch für Mediatoren, sondern gleichzeitig eine bisweilen fast spannend zu lesende Darstellung dessen, was mit uns Menschen in Konfliktsituationen geschieht und wie man damit umgehen kann, vorgelegt. Man findet in diesem hilfreich strukturierten Werk inhaltlich alles, was der Mediator braucht, und darunter gibt es eigentlich nichts, was nicht auch für den Pädagogen, den Selbstverwalter und Gestalter in einer Organisation richtig und von Interesse wäre.
Einen breiten Raum nimmt die Darstellung der Frage ein, wie soziale Konflikte entstehen und wie sie den Menschen in seinem Denken, Fühlen und Wollen beeinträchtigen und »deformieren« können. Der Zusammenhang zwischen bedrohten Bedürfnissen, Stressverhalten und der Dynamik eines Konfliktes führt zur Darstellung der Konflikt-Eskalationsskala, mit der Friedrich Glasl bereits vor Jahren ein hilfreiches Instrument erstellt hat, nicht nur zur Diagnose, sondern insbesondere zur Bearbeitung von Konflikten durch situativ angemessene Interventionen.
Mediation als Konfliktbearbeitungsprozess wird in ihrer inneren Logik verständlich, wenn sie – wie hier dargelegt – nicht als eine bloße Abfolge von methodischen Kunstgriffen eines Mediators verstanden wird, sondern als eine innere Bewegung der Konfliktbeteiligten, die zu Wendepunkten im Kognitiven, Emotionalen und Intentionalen führt. Mit Rückgriff auf den Eskalationsgrad sowie den Typus eines Konfliktes wird dargestellt, wo dies noch mit vorhandenen Selbstheilungskräften der Beteiligten geschehen kann, aber auch, ab wann initiale innere Bewegungsimpulse nur noch von außen, also durch externe Begleitung, möglich sind, weil Selbst- oder Ichsteuerung der Beteiligten nicht mehr ausreichend vorhanden ist.
Ballreich und Glasl beschreiben Mediation als einen U-Prozess: Im Bild des U wird der Ansatz deutlich: Der tiefste Punkt des U ist erst überwunden, wenn die Bedürfnisse der Konfliktparteien aufgespürt, ausgesprochen und gegenseitig empathisch verstanden sind. Um überhaupt dorthin zu gelangen, ist ein vertiefender Bewegungsprozess nötig.
Dahinter steht die Überzeugung, dass die Bedrohung von elementaren Bedürfnissen (z.B. Sicherheit, Autonomie, Freiheit) den Kern eines Konfliktes ausmacht, die eigenen wie die fremden Bedürfnisse in ihrer Unerfülltheit aber erst erspürt und verstanden werden müssen. Erst dann können gemeinsame Handlungsoptionen und Übereinkünfte getroffen werden, die von innerem Verstehen und Wollen getragen sind.
Im folgenden Kapitel werden so genannte Basismethoden beschrieben, mit Hilfe derer diese Bewegung in einer Mediation gefördert werden kann. Auch hier findet der aufmerksame Leser wieder das, was der professionelle Mediator für seinen Werkzeugkoffer braucht, was gleichzeitig den Pädagogen, den Gestalter, den Konferenzleiter bereichern kann. Von Übungen zum richtigen Fragen und Zusammenfassen, über Methoden, um Themen auf den Punkt zu bringen oder zum Perspektivenwechsel, hin zu Moderationsmethoden von Verhandlungs- und Entscheidungsprozessen.
Anschließend finden wir Hilfen für die Grundlagenarbeit mit und an uns selbst. Übungen wie »Dialog mit dem eigenen Schatten«, »der heilige Zorn« oder »Goldene Augenblicke, »Michael und der Drache« sind, da teilweise für Gruppen konzipiert, eine Fundgrube für kollegiale Intervisionsarbeit. In dieses Kapitel hinein ist der Ansatz der »Gewaltfreien Kommunikation« als Methode empathischer Verständigung gestellt. Ich halte dieses Kapitel für das zentralste, wenn ich an die vielen Situationen denke, in denen wir als Lehrer in sozialen Interaktionen gefordert sind, vom Unterricht über die Konferenz bis hin zum Elternabend. Hier sind Nebenübungen neu belebt und in den unmittelbaren Zusammenhang von Kommunikation gestellt. Spätestens an dieser Stelle des Buches wird deutlich, dass es den beiden Autoren mit Mediation nicht um ein reines »Managen von Konflikten« geht, sondern dass wir hier eine spirituell inspirierte Methode vorfinden, die von der Aussagekraft anthroposophischer Menschenkunde untermauert ist.
Angesichts der unzähligen Momente im Alltag, in denen wir in den unterschiedlichsten Rollen und mit den unterschiedlichsten Aufgaben und Intentionen kommunizieren, und – wer hat die Erfahrung noch nicht gemacht? – in denen wir scheitern, weil wir uns nicht oder nur unzureichend verständigen und verstehen können, halte ich dieses Werk für ein Grundlagenwerk eben nicht nur für Mediatoren, sondern für jeden, der sich auf die Ebene des bewussten Umgangs mit sich selbst und den Mitmenschen begeben will. Selbst die Kapitel, in denen Mediation im äußeren Ablauf beschrieben wird, oder das Kapitel, das sich auf die beispielartige Übungsmediation bezieht, die auf einer beigefügten DVD mitgeliefert ist, können für den Nichtmediator aufschlussreich sein.

Angelika Ludwig-Huber

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